Auswirkung von Richtgrößenprüfungen und Regressen auf die Patientenversorgung

Schon 2009 befasste sich eine Expertise des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG) im Auftrag der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen mit der Bewertung von Richtgrößenprüfungen (Neubauer, Wick, 2009, Ökonomische Bewertung der Richtgrößenprüfung bei Heilmitteln in Hessen und Alternativlösungen).

Die Autoren stellten in einer Kosten-Nutzen-Analyse direkte Kosten (Verwaltungsaufwand in der Prüfstelle und der Arztpraxis)und indirekte Kosten (Unterversorgung/Unterschreitung des Therapiestandards, Arbeitsunfähigkeitstage, unnötige Patientenüberweisungen und negative Beschäftigungseffekte bei den Heilmittelerbringern) dem direkten ökonomischen Nutzen (Regresszahlungen) und indirekten Nutzen (Vermiedene Überversorgung/Präventionseffekt) gegenüber. Dabei überstiegen die Kosten den Nutzen derart, dass die Empfehlung ausgesprochen wurde die Richtgrößenprüfung sofort einzustellen.

Wörtlich ziehen die Autoren das Fazit:

„Zusammenfassend erzeugen die vorliegenden Daten unter den getroffenen Annahmen – besonders bezüglich des Präventionseffekts – sowohl durch die Kosten-Nutzen-Analyse bei allen Fachbereichen zusammen, als auch durch isolierte Betrachtung der Fachbereiche mit Regresszahlungen, das Ergebnis, dass die bestehende Heilmittel-Richtgrößenprüfung in Hessen unter ökonomischen Aspekten nicht vorteilhaft ist. Diese Erkenntnis spricht dafür, die Richtgrößenprüfung für alle Fachbereiche ersatzlos abzuschaffen.“

Völlig unabhängig von ethischen Gesichtspunkten und einer rechtlichen Bewertung der Legitimation von GKV und Kassenärztlichen Vereinigungen zu Verteilungsfragen innerhalb einer sozialen Pflichtversicherung, spricht die rein ökonomische Bewertung klar gegen Richtgrößenprüfungen und Regresse bei der Ärzteschaft.

Trotzdem werden Ärzte weiter in ihrer Berufsausübung eingeschränkt und zu Lasten der Patienten in ihrem Verordnungsverhalten beeinflusst, wie der folgende offene Brief deutlich macht.

Ein unhaltbarer Zustand:


Offener Brief


Regressandrohung (Androhung von Geldstrafe) wegen angeblicher „Zuviel-Verordnung?“ von Heilmitteln / Physiotherapie zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen wie Krankengymnastik oder auch Lymphdrainagemassage bei schwerkranken Patienten durch die „Prüfungsstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen und der hessischen Krankenkassen“

Betreff: Jochen Armbruster, Hausarzt , Darmstadt, Schreiben zur Verfahrenseröffnung/Anhörung wegen „Überschreitung der Anzahl der Verordnungen im Jahr 2016 von Heilmitteln“ der Prüfstelle Frankfurt vom 5.9.18, AZ: PA/F/2729/2018

Sehr geehrte Prüfungsstelle der Ärzte und Krankenkassen in Hessen, sehr geehrter Vorstand der Kassenärzlichen Vereinigung Hessen, sehr geehrte Vertreter der gesetzlichen hessischen Krankenkassen, sehr geehrte Presse, sehr geehrte Politiker der Parteien, sehr geehrte Kolleginnen/Kollegen, sehr geehrte Patienten,

Zusätzlich zu meiner schriftlichen detaillierten Stellungnahme zum Schreiben der Prüfungsstelle vom 5.9.2018 von letzter Woche möchte ich Ihnen Folgendes mitteilen:

Nach eingehender gründlicher Überlegung habe ich mich entschlossen, zukünftig keinerlei Verordnungen (Kassenrezept) von Krankengymnastik Therapie und Lymphdrainage Therapie für schwerkranke gesetzlich krankenversicherte Patienten mehr zu schreiben. Ich werde die betroffenen Patienten mit meinem Verordnungsvorschlag zu deren Krankenversicherungen schicken, damit sie die schriftliche Zustimmung ihrer jeweiligen Kasse einholen und ggfs. auch vom Arzt des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen begutachtet werden.

Ein entsprechendes Schreiben werde ich den Patienten, auch mit Hinweis auf die Prüfungsstelle in Frankfurt, jeweils mitgeben.

Eine Regress Androhung für medizinisch notwendige Verordnungen kann ich nicht weiter hinnehmen, denn man wirft mir ja offensichtlich vor, unzulässiger Weise unnötige Therapie-Rezepte geschrieben zu haben. Das verhöhnt meine hausärztliche Tätigkeit (Hausarztpraxis seit 36 Jahren, Patientenstamm über 7.000 und 1200 Patienten/Quartal) und meine medizinischen Kenntnisse sowie meinen 12 Stunden-Tag für unsere Patienten, aber auch die Not der Patienten. Man erklärt uns Hausärzte somit zu ärztlichen Deppen. So wie die Hausärzte in Oberhessen, denen man von Seiten der Prüfungsstelle Regress angedroht hatte wegen “ Überschreitung der zulässigen Anzahl von Hausbesuchen bei Schwerstkranken und Sterbenden“ (siehe unten Fernsehsendung im hr Fernsehen). Damit man mich nicht auch noch deshalb zu belangen versucht, rechne ich Hausbesuche bei Schwerstkranken und Sterbenden schon lange meistens nicht mehr ab. Auf die lächerlichen 20 € Honorar für einen Hausbesuch kann ich verzichten.

Dies alles ist inakzeptabel, diese Prüfungen sind absurd. Zudem beim unglaublichen Überschuss der gesetzlichen Krankenkassen von zur Zeit über 30 Milliarden Euro. Geld der Versicherten und nicht der Krankenkassen.

Ich habe fertig. Mein ärztliches Selbstwertgefühl lasse ich mir nicht nehmen.

Nochmals: Der Fakt, mir (nach 36 Jahren als Allgemeinarzt mit großer Kassen-Praxis) Regress anzudrohen, ist eine Beleidigung meiner hausärztlichen Tätigkeit. Diesem Regress-Irrsinn bei Behandlung von kranken gesetzlich versicherten Patienten muss ein Ende bereitet werden.

Logischerweise will kein Arzt mehr als Hausarzt arbeiten. Bei aller Liebe zum Beruf des Hausarztes, kein junger Kollege/Kollegin will sich mehr diesem allseits bekannten Honorar- und Prüfungswahnsinn aussetzen.

Ich werde damit auch an die Presse gehen und alle umliegenden Kollegen informieren und vor der Institution der Prüfungsstelle Frankfurt warnen. Diese ist offenbar ein Phantom, denn im Anschreiben werden die Namen der Ärzte und Krankenkassenvertreter, die der Prüfstelle angehören, nicht genannt.

Dieses Schreiben werde ich allen meiner Patienten in Kopie mitgeben.

Mit freundlichen Grüßen aus Darmstadt, Jochen Armbruster, Mitglied der Landesärztekammer seit 42 Jahren, Mitglied der Kassenärztlichen Vereinigung seit 36 Jahren


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